Inhalt: Little White House
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Auf dem über 10.000 Quadratmeter großen Grundstück am Griebnitzsee entstand 1891/92 ein typisches Gründerzeitgehäuse mit fünfzehn Räumen, inklusive ausgebautem Dachgeschoss und Küche im Keller. Die Fassade des repräsentativen Putzbaus wird durch Gesimse, Einfassungen und Säulen aus rotem Sandstein gegliedert. Auf der Seeseite bewirkt das Zusammenspiel der vorgesetzten Loggia mit der darüber liegenden Terrasse im Obergeschoss und dem Dachtürmchen zwischen den symmetrisch angeordneten Schildgiebeln ein romantisch-verspieltes Etwas.
Im Sommer 1945 mussten Müller-Grotes die Villa für den amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman verlassen. Am 15. Juli zog er ein, am nächsten Morgen schrieb er an Mama, dass „wir in einem schönen Haus an einem See in Potsdam sind. Es gehörte früher dem Chef der Filmleute. Man sagt, er sei zurück nach Russland geschickt worden, zu welchem Zweck, weiß ich nicht“. Na ja.
Um 11 Uhr machte der britische Premier Churchill einen Antrittsbesuch. Danach ließ er sich Berlin zeigen, im Regierungsviertel die zerstörte Reichskanzlei, im Tiergarten die Reichstagsruine, die Reste von Außenministerium, Sportpalast und weltberühmten Kunststätten. „In dieser zweistündigen Fahrt wurde ich Zeuge einer großen Welttragödie“, schrieb Truman in seinen Erinnerungen, „und ich war aus tiefstem Herzen dankbar, dass meinem Lande dies erspart geblieben war. Eine derartige Zerstörung habe ich nie wieder gesehen.“
Als er am Abend wieder in der Kaiserstraße eintraf, lag eine Depesche aus Washington vor: „Baby´s satisfactorily born“. Am Morgen war im Rahmen des Manhattan-Projekts in der Wüste von New Mexiko die erste Atombombe getestet worden. Zehn Tage später unterzeichnete er die „Potsdam Declaration“, das Ultimatum zur bedingungslosen Kapitulation Japans. Kaum war die „Konferenz von Berlin“, wie das Treffen offiziell hieß, beendet und der Präsident wieder in Washington, detonierte am 6. August 1945 um 8.16 Uhr Ortszeit die vom US-Bomber Enola Gay abgeworfene Atombombe „Little Boy“ in 580 m Höhe über Hiroshima. 43 Sekunden später war die Stadt verschwunden. 90.000 Menschen starben sofort, weitere 50.000 in der Folgezeit. Hatte Truman „eine derartige Zerstörung“ wie in Berlin wirklich nicht wieder gesehen?
In Babelsberg verliefen die folgenden Jahrzehnte nach dem bekannten Muster: Polytechnische Oberschule, Akademie der Staats- und Rechtswissenschaften, Möbellager. Mit dem Bau der Mauer kamen die Sperranlagen und der Kolonnenweg zwischen Haus und Ufer hinzu. Nach der Wende erhoben die Erben Ansprüche auf Rückübertragung, die 1994 anerkannt wurden. Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat Grundstück und Villa Ende der neunziger Jahre von den Grote-Erben gekauft.
Da Effizienz bei den Liberalen hoch im Kurs steht, ist es wohl durchaus verständlich, dass das Areal für die von Bonn nach Babelsberg verlegte Geschäftsstelle in der heutigen Karl-Marx-Straße 2 effektiv genutzt werden musste. Die Rolle des Staates wurde im Bebauungsplan erfolgreich „auf das Notwendige zurückgedrängt“, weil „ohne die Achtung des Eigentums“ sowieso „viele andere Rechte nicht verwirklicht werden können“. Und so wurde in das historisch gewachsene Grundstück von 10.000 Quadratmetern zusätzlich ein deutlich nach Büroräumen ausgerichtetes „Tagungsgebäude“ gesetzt. Selbstverständlich wird der Gartenbereich offen zugänglich gehalten, weil schließlich „liberale Politik die Freiräume der Bürger erweitern will“.